Sprache

14
Okt
2005

Binde- oder Trennstriche

Mail an den Pressesprecher der Internet-Bank ING DiBa:

Lieber Kollege Dr. Ott,

wahrscheinlich haben Sie mit den Anzeigen zum Journalistenpreis, der den Namen von Helmut Schmidt trägt, ja gar nichts zu tun. Aber einen anderen Ansprechpartner als Sie finde ich im Internet nicht. Und so ganz unzuständig sind Sie ja wohl nicht.

Was ich sagen will: Ich finde es ganz toll, dass auch Sie den Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit zu einer Nebeneinahme verschaffen und zugleich die notleidenden Tageszeitungen mit ganzseitigen Anzeigen unterstützen.

Als ich jedoch ihre Anzeige zu Ihrem Journalistenpreis in der "Süddeutschen" sah, zuckte ich zusammen: Dick und fett ein grober Verstoß gegen die Rechtschreibregeln, nach den alten wie nach den neuen. Denn Ihrem Preis - schön, dass er nicht Award heißt - fehlt ein Binde- oder Trennstrich.

Lassen Sie mich Wolf Schneider, den Nestor der guten und richtigen Journalistensprache, zitieren, der in seinem Standardwerk "Deutsch für Profis" ein vergleichbares Beispiel bringt, nämlich die falsch geschriebene "Hermann Löns-Straße". Schneider schreibt: "Es handelt sich nicht um einen Menschen mit dem Doppelnamen Löns-Straße, der mit Vornamen Hermann heißt, sondern um eine Hermann-Löns-Straße."

Und deshalb handelt es sich bei Ihnen auch nicht um einen Menschen mit dem Doppelnamen Schmidt-Journalistenpreis, der mit Vornamen Helmut heißt. Vielleicht geben Sie den Verantwortlichen einen Tipp für den nächstjährigen Helmut-Schmidt-Journalistenpreis.

Mit kollegialen Grüßen

1
Okt
2005

Wahl oder Neuwahlen, das ist die Frage

Eigentlich ist es ja ganz einfach: Alle vier Jahre, wenn nichts dazwischen kommt, findet eine Neuwahl des Bundestages statt. Wenn der Präsident den Bundestag auflöst, ist der Abstand zur vergangenen Wahl halt kürzer. So steht das im Artikel 39 des Grundgesetzes.

Was machen unsere Medienmenschen daraus? Einige setzen jede Wahl des Berliner Parlaments in den Plural. "Bundestagswahlen" klingt einfach nach mehr. Und diesen Mehrwert will man dem Leser schon bieten.

Aber die meisten wissen schon noch, dass wir seit 1949 zwar 16 Bundestagswahlen hatten, aber jede einzelne nur eine Wahl darstellt - anders als bei Kommunalwahlen, bei denen ja viele Gemeindeparlamente gewählt werden.

Im Falle einer Neuwahl nach einer Auflösung des Bundestags breitet sich aber plötzlich Verwirrung aus. Plötzlich mutiert die vorgezogene Wahl zu "Neuwahlen". Nur wenige Menschen in den Redaktionen wehren sich gegen diesen Trend. Das führt dann dazu, dass in den Überschriften der Sigular und im Lauftext der Plural verwendet wird.

Zum Beispiel bei Spiegel Online, der am 19. September verschiedene Koalitionsvarianten unter der Zeile

Von Jamaika bis Neuwahl

vorstellt, im Text aber plötzlich in den Plural verfällt. Ähnlich auch Focus Online.

Nur bei der ZEIT wird durchgehend von "Neuwahl" geschrieben, wenn ich nichts übersehen habe. Deshalb erhält die Redaktion der Wochenzeitung heute den EISERNEN KONRAD.

27
Sep
2005

EISERNER KONRAD für die SZ

Man soll ja nicht nur meckern. Sondern man soll auch loben. Also habe ich beschlossen, den leider aussterbenden Bewahrern der richtigen und guten deutschen Sprache einen Preis zu verleihen, einen virtuellen, versteht sich. Er soll in Erinnerung an Konrad Duden heißen: Der EISERNE KONRAD.

Der erste EISERNE KONRAD geht an die Nachrichtenredaktion der Süddeutschen Zeitung. Sie scheint eine der wenigen Redaktionen zu sein, die den Unterschied zwischen den beiden Verben "dringen" und "drängen" noch kennt. Das schließe ich jedenfalls aus der heutigen Ausgabe, in der ich auf dem Fuß der Seite eins einen Vierspalter finde, der da beginnt mit dem Satz:

Nach dem schwachen Ergebnis der Union bei der Bundestagswahl dringt die CSU auf einen Kurswechsel der C-Parteien.

Da kann ich nur sagen: Bravo. Zumal im selben Satz die Bundestwahl noch völlig richtig im Singular verwendet wird.

Nachtrag:
Die Auszeichnung mit dem EISERNEN KONRAD bringt natürlich eine hohe Verpflichtung mit sich. Das bedeutet, auch Redigierfehler sollten vermieden werden. So wie dieser am nächsten Tag (28.9.05), wieder auf der Seite 1. Da heiißt es im Kasten über Bushs Appell zum Energiesparen:

Die Bilder der Verwüstung, die beide Wirbelstürme hinterließen, haben die Amerikanern nicht nur sehr grundsätzlich neuen Respekt vor der Gewalt der Natur gelehrt.

Ein typischer Redigierfehler. Der Korrespondent, ein ausgezeichneter Schreiber mit leichten Grammatikschwächen, hat das Verb lehren mal wieder mit dem falschen Fall verbunden, hat also formuliert: "...hat den Amerikanern ... gelehrt." Der Redakteur rauft sich die Haare, beginnt zu korrigieren. Dann geht das Telefon. Der CvD fragt, wo das Stück aus Washington für die eins bleibt. Der Redakteur, leicht genervt, meint: Ist schon unterwegs. Der zweite Teil der Änderung wird vergessen.

Kann in der Hektik kurz vor Redaktionsschluss immer passieren. Sollte aber nicht, vor allem nicht bei Inhabern des EK.

12
Sep
2005

Punktsieg für Merkel

Angela Merkel hat gewonnen. Nein, noch nicht die Bundestagswahl. Es ging nur um die ARD-Sendung "Die Favoriten - Spitzenpolitiker im Kreuzverhör". Da hat sie knapp vor Gregor Gysi gewonnen, vielleicht war`s auch Pari.

Nein, bei meiner Wertung geht es nicht um die Argumente. Aber um die Sprache. Denn da hat Merkel keinen Fehler gemacht. Gysi übrigens auch nicht.

Joschka Fischer hatte einen eher einen kleinen Lapsus. Einen bürokratischen. "Angesichts der gemachten Erfahrungen". Das ist reines Bürokratisch. Denn Erfahrungen, die man nicht gemacht hat, sind halt keine. Aber als Bürokrat sichert man sich halt gern ab.

Westerwelle übertrieb wie gewöhnlich. Er macht aus einer Million gleich mehrere, wenn er meint "eine Millionen mehr Menschen arbeitslos". Klingt einfach mehr als eine Million.

Schröder kennt den Genitiv nicht, typisch für ihn. Denn er geht immer geradeaus. Genitive wären ja nur Umwege. Also heißt es bei ihm: "seit April diesen Jahres" (wurde alles besser).

Edmund Stoiber berichtete: "Wir beide waren zusammen im Bundesrat gesessen." Aber das wollen wir mal als bayerische Mundart tolerieren.

11
Sep
2005

Genetiv auf die Rote Liste

Ich höre häufig am Samstag Nachmittag die Bundesliga-Konferenz der ARD. Auch gestern wieder. Da fiel mir mal wieder auf, wie gefährdet unser guter alter Genetiv (oder Genitiv) ist, der - wie wir damals in der Schule gelernt haben - Wes-Fall.

Der Moderator im Studio leitete zum Spiel der Münchner gegen die Nürnberger über und meinte, er wolle wissen, was denn "im Stadion des Club" laufe. Nein, es war kein Versprecher, denn beim nächsten Mal sagte er, nun gehen wir "zum Spiel des Club".

Die Moderatoren von Hörfunksendungen scheinen besonders anfällig für den Verlust des Genetivs zu sein. Da höre ich gerade InfoRadio Berlin-Brandenburg. Moderator Stephan Ozsváth sinniert übers Wetter: "Was da draußen in der Natur passiert, kann man getrost als Vorboten des Herbst ansehen."

Der Genetiv müsste auf die Rote Liste der gefährdeten Arten gesetzt werden. Besonders gefährdet ist er durch die, die eigentlich die Hüter der Sprache sein müssten, den Journalisten.

Vor einiger Zeit - es ist wohl etwa ein Jahr her - wurde ich ganz blass, als die Redaktion des Tagesspiegels ihr eigenes Medium des Genetivs beraubte und nur noch von der "Redaktion des Tagesspiegel" sprach. Im Deutschlandfunk wurde vermeldet "nach Angaben des Pentagon". Und Jan Hofer schlug am 25.9.05 in der Tagesschau dem Fass die Krone ins Gesicht, als er Nochkanzler Schröder mit den Worten zitiert, "das sei seine Auslegung des Wahlergebnis".

Beim Tagesspiegel habe ich inzwischen eine leichte Besserung festgestellt. Aber wie die Funkkommentatoren und viele andere zeigen, ist das Problem noch nicht bewältigt.

7
Sep
2005

Wenn's beim Schreiber drängt

"Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles." Ja. der Geheimrat aus Weimar konnte das Verb "drängen" im Vergleich zu "dringen" noch richtig verwenden.

Auch mein damaliger Chef Jaku konnte es noch. Er formulierte es immer sehr drastisch: "Drängen tut's einen auf dem Pott." Seitdem hat keiner von uns noch geschrieben: Der Politiker xy drängte auf eine schnelle Steuersenkung. Natürlich drang xy auf seine Steuersenkung.

Auch der Spiegel konnte es lange noch. Er verwendete "drängen", wenn es darum geht, jemanden zu etwas zu bewegen. Etwa: xy drängte seinen Parteivorsitzenden, endlich eine Initiative zur Steuersenkung zu ergreifen. Der Spiegel hat offenbar in seinem Lektorat gespart. Seit längerem ist bei ihm das "dringen" ausgestorben. Heute heißt es zum Beispiel: "Der Gießener Verkehrswissenschafter Gerd Aberle drängt nun auf schnelle Entscheidungen auch in Deutschland." (Nr. 36, S.64)

Ist halt viel bequemer, das regelmäßig gebeugte Verb "drängen" zu verwenden, als sich mit der unregelmäßigen Beugung von "dringen" herumzuquälen.
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